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Mal angenommen...

Mal angenommen, die Hälfte des Geldes, das jetzt weltweit dafür eingesetzt wird, um die Finanz- und Wirtschaftskrise in den Griff zu bekommen, würde eingesetzt, um die Welthunger- und die Weltklimakrise in den Griff zu bekommen. Wenn wir davon ausgehen, dass für ersteres zwischen fünf und fünfzehn Prozent des BIP notwendig sein werden, für Hunger und Klima aber lediglich zwischen 0,5 und 2,5% des BIP aufgewendet werden, dann stimmte doch bisher etwas nicht: nämlich die Behauptung, es sei - leider - zu wenig Geld da, weil nötig für nötigere Dinge.
Wenn wir weiters annehmen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise jedenfalls zeigt, dass komplexe Systeme trotz aller Expertenmeinungen nicht so reagieren wie vorausgesagt, dann dürfte zum Beispiel klar sein, dass die Klimageschichte auch nicht so soft und linear verlaufen wird wie sich das manche vorstellen.
Im besten Fall nehmen wir also an, dass wir daraus was lernen und erkennen: wir nehmen die neue Klimapolitik und alles was damit zusammenhängt (neue Mobilität, neues Wirtschaften, radikale Änderung der Welt-Landwirtschaftspolitik, Effizienzstrategie VOR Substitutionsstrategie bei fossilen Brennstoffen, etc...) als Instrument, um die Finanz- und Wirtschaftskrise zu überwinden.

Annehmen wird man ja noch was dürfen, oder...

So funktioniert die Krise

Wer sich einen raschen Überblick darüber verschaffen will, wie die Finanzmarktkrise "funktioniert":

vortrag-dr-simma-zu-finanzkrise-22-10-08 (ppt, 2,428 KB)

(Bankensprecher Dr Simma im Finanzausschuss des Landtages)

In der Diskussion ging es um Gegenstrategien, vor allem auch regionale. Und siehe da: auf einmal sind ein massiver Ausbau der Althaussanierung, Investitionen in den Öffentlichen Verkehr, Stärkung von Klein- und Mittelbetrieben, höhere Unterstützung für Beschäftigungsinitiativen (2. Arbeitsmarkt) und das Vorziehen von Infrastrukturinvestitionen (Land und Gemeinden) kein Tabuthema mehr. (Noch vor einer Woche wurde ich der "Panikmache" bezichtigt und als "mutwilliger Schuldenmacher" tituliert, als ich derlei forderte...)

Rettungsfallschirm für die Banken, aber nichts für die ArbeitnehmerInnen?

Was mich erbittert hat, waren folgende Botschaften: "Bitte jetzt Lohnzurückhaltung" und "leider ist kein Geld mehr da für ein ordentliche Steuerreform".

Es kann wohl nicht sein, dass zwar milliardenschwere Rettungspakete für die Banken geschnürt werden, aber die ArbeitnehmerInnen jetzt übrig bleiben – also die Zeche doppelt zahlen. Wer 100 Milliarden für die Bankenrettung hat, muss auch 5 Milliarden für eine Steuerreform aufbringen!

Wieso nicht eine LANDESANLEIHE?

Wenn schon riesige und sauteure Rettungsfallschirme für den Finanzsektor gebastelt werden (in Österreich leider ohne, in Deutschland mit sehr strengen Auflagen), dann muss mit der selben Vehemenz auch die Rettung von Arbeitsplätzen in Angriff genommen werden. Das kostet Geld. Öffentliches Geld.
Das Land Vorarlberg, vergleichsweise sehr solide aufgestellt, wird das nicht aus den Rücklagen allein aufbringen können. Und selbst die Aufgabe des hehren Zieles "keine neuen Schulden" wird nicht reichen.
Deshalb habe ich vorgeschlagen, eine Landesanleihe aufzulegen: Sichere Anlage in unsicheren Zeiten und die Fähigkeit, in regionale Maßnahmen zur Arbeitsplatzsicherung und Konjunkturstützung zu investieren - doppelter Nutzen.
Anleihen boomen - wie man hier sieht.

Den Vorschlag im Detail gibt es hier:
Die-Vorarlberger-Landesanleihe (pdf, 12 KB)
Und eine Studie über die Wirksamkeit hier:
Anleihen-Sudie-Wirksamkeit (pdf, 26 KB)

Haider, Schwarzenegger, Jelinek

Wer die Jörg-Haider-Berichterstattung der letzten Tage satt hat und lieber etwas in die Tiefe lesen möchte, dem sei dies hier empfohlen:
Ausblicke_nr_14 (pdf, 1,703 KB) (ab Seite 7)
Anhand der Biografien von Jörg Haider (geb. 1950), Arnold Schwarzenegger (geb. 1947) und Elfriede Jelinek (geb. 1946) wird nicht nur das (gemeinsame) Umfeld des Nachkriegsösterreich sichtbar, sondern auch die daraus resultierenden unterschiedlichen Prägungen.
Das Heft ist übrigens schon 2001 erschienen - nicht aus aktuellem Anlaß. Was im Hinblick auf die momentane Art der Berichterstattung von großem Vorteil ist.

Wer hat unsere Bahn verzockt!?

Gemunkelt wurde schon länger, jetzt verdichten sich die Hinweise, dass die ÖBB mit äußerst riskanten Finanzgeschäften nicht nur auf die Nase fallen, sondern ein Debakel erleben:
600 Millionen Euro Ausfall? Pardon: das Debakel erleben selbstverständlich SteuerzahlerInnen...

Leider sind jene, die politisch dafür verantwortlich waren, dass die ÖBB in kleine Stücke zerschlage wurde, um möglichst viele Günstlinge in möglichst gut bezahlte Positionen zu bringen heute nicht mehr da: Wolfgang Schüssel und Hubert Gorbach. Also: keine Verantwortung, kein Schadenersatz. Wie immer...

"Bürgerbahn statt Börsenwahn" diese Veranstaltung kommt gerade recht.

Rauf mit den Gaspreisen!

Rauf mit den Gaspreisen? Jetzt, wo sowieso alles teurer wird? Ich sage ja - und werde versuchen zu erklären, warum:

Die Vorarlberger Erdgasgesellschaft (VEG) ist eine Tochter des VKW-Illwerke-Konzerns und somit eine Gesellschaft, die de facto dem Land Vorarlberg gehört. Deshalb hat das Land Vorarlberg Einfluss auf die Preisgestaltung (so, wie sie das beim Strompreis auch hat).
Die Gaspreise wurden aus politischen Gründen seit längerem nicht bzw. nicht ausreichend erhöht. (Auch ich hielt das für vertretbar).
Jetzt aber hat die Sache eine neue Dimension erreicht:
Die VEG wird im heurigen Jahr vermutlich rund 4 Millionen Euro Verluste schreiben, weil sie den Gaspreis nicht erhöhen durfte, die Einkaufspreise aber längst massiv angestiegen sind. Das heißt, dass sämtliche Kunden, ob groß ob klein, ob reich ob arm, in den Genuß eines kollektiven "Rabattes" kommen. Ich halte das für die sozial ungerechteste und sinnloseste Form eines "Heizkostenzuschusses".
Daher: Gaspreis dem Markpreis anpassen (= verteuern) und die Heizkostenzuschüsse für Haushalte mit geringen Einkommen erhöhen!
Und: jetzt rächt sich, dass die VEG mit Rückendeckung des Landes verhindert hat, dass dort, wo ein Gasnetz vorhanden ist, Biomasse-Nahwärme-Kraftwerke errichtet werden, aus Angst, gegenüber den Erneuerbaren Energien eines Tages nicht mehr konkurrenzfähig zu sein.
Vielleicht wird wenigstens in dieser Hinsicht jetzt umgedacht.

Haben sie heute schon was vor?

Manche Veranstalter haben wirklich Pech. Diese hier zum Beispiel:

Gewinn-Messe

Die Börsen sind gerade um durchschnittlich dreißig Prozent abgestürzt, Banken krachen, Wertpapiere werden wertlos aber die GEWINN-Messe verspricht: "Alle Besucher werden zu Gewinnern!"
Versprochen werden weiters: "Tolle Sofortgewinne - pures Gold, Urlaubsreisen, Tankgutscheine und wertvolle Aktienpakete!"
Vor allem die Zusammensetzung letzterer würde mich interessieren.
Das Seminarangebot ist breit gefächert:
Von "Rohstoffboom als Megachance" über "Währungs- und Zinsprognose 2009" (vermutlich via Glaskugel...) bis hin zu Reinhold Messner: "Das Credo eines Grenzgängers" und "Hedge-Fonds für Einsteiger" (die werden zwar so gut wie verboten, aber einsteigen kann man immer...)gibt es viel zu lernen.
Sogar ein paar frei zugängliche Veranstaltungen werden angeboten, wie zum Beispiel "Genial einfach rechnen" oder "Live-Trading: Showdown der drei besten Trader".
Ich würde allerdings vermuten dass folgende Veranstaltung (Samstag 18.10.2008) am meisten Zustrom zu verzeichnen haben wird:
"Geschädigt, was nun?"

Wer noch frei hat und JETZT einsteigen will, dem wird das "Jumbo-Package" angeboten. Es berechtigt zum Besuch aller Seminare und kostet nur Euro 318,- (exkl. MWSt).

Ich war übrigens fast versucht mich für "Risikostreuung mit geschlossenen Fonds" anzumelden, weil ich der festen Überzeugung war, das sei ein Kochkurs für Soßen...

Lokalaugenschein im Land der Rechten

Heute war eine schweizer Journalistin bei mir, die für eine französischsprachige Zeitung in Basel schreibt. Sie macht einen Lokalaugenschein im Land, das rechts gewählt hat. Vorarlberg wurde ausgesucht, weil an die Schweiz angrenzend. Ihre Fragen werfen ein Schlaglicht darauf, wie außerhalb unserer kleinen Welt verfolgt wird, was hier geschieht:

"Wie erklären Sie sich, dass 30% Ihrer Landsleute bei der letzten Wahl rechte bis extrem rechte Parteien gewählt haben?"

"Wieso war das auch in Ihrem Bundesland so, das doch wirtschaftlich erfolgreich, kulturell sehr aktiv und - zum Beispiel in der Architektur - äußerst innovativ ist?"

"Wir haben die Massenhysterie rund um den Tod des Herrn Haider verfolgt - und nicht verstanden. Was ist Ihre Erklärung?"

"Sie haben hier in Vorarlberg 14% Ausländeranteil. Wir in Basel mehr als 30%. Wieso ist das hier so ein Konfliktthema?"

"Werden die rechten Parteien in Österreich von den anderen Parteien offensiv bekämpft oder hat man sich arrangiert?"

"Sind die WählerInnen dieser Parteien Rechtsradikale?"

"Hat das Wahlverhalten in Österreich etwas mit der Österreichischen Geschichte zu tun?"


Die Schwierigkeit im Gespräch war, die allzu einfachen Antworten zu vermeiden. Der Blick von außen ist ziemlich offen und dadurch einigermaßen gnadenlos. Sich dem zu stellen und auch die eigenen Antworten in Frage zu stellen führte zu einer Frage, die ich mir hintennach selber stellte: Entspricht die eigene Sicht der Dinge nun einer Anpassungsleistung, der Kapitulation oder einer realistischen Strategie mit dem umzugehen, was ist?

Nach mir wurde die FPÖ interviewt.
Das Ergebnis wird zu lesen sein Ende der Woche in LE TEMPS.

Nachtrag am 19.11.2008: sorry, hat gedauert, jetzt ist die Übersetzung da:
Le-Temps-Artikel-Nov-08l (pdf, 13 KB)

6 Milliarden jährlich

Und das ganze nennen sie dann "Konsolidierungsbedarf" statt Budgetkürzung.

MenschenMeinungen

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